„Es geht ein stückweit
auch um Kunst“

Julius Brantner und Bernhard Mengele im Interview

Interview: Sonja Pham www.sonjapham.com

 

Ein Gespräch über die Liebe zum Handwerk: Julius Brantner (www.julius-brantner.de) und Bernhard Mengele, Geschäftsführer der Textilmacher GmbH, sind in zwei sehr unterschiedliche Branchen zuhause, die sich aber näher liegen als man meinen könnte. Auch räumlich betrachtet sind die beiden nicht weit voneinander entfernt – die Kooperation zwischen der Brotmanufaktur und dem innovativen Textilbetrieb mit Schwerpunkt Corporate Wear hat sich innerhalb der Nachbarschaft ergeben.

 

Julius, wenn man Berufskleidung eines Bäckers denkt, dann ist man gedanklich schnell bei der traditionellen weißen Kluft. Wie hat sich die verändert?

 

Julius: Die klassische Bäckerkluft ist heutzutage oft eine weiße oder schwarzweiß-karierte Hose wie Köche sie tragen, mit T-Shirt und Schürze. Mein Opa war früher noch komplett in weiße Leinen gekleidet, mit langer Schürze. Das war damals ein ganz stabiles und vielleicht nicht unbedingt bequemes Outfit… Aber genau das ist heutzutage bei den Bäcker-T-Shirts das Problem, dass sie relativ dünn sind und schnell kaputt gehen. Wir tragen im Team einheitliche Shirts und die Schürzen von Bernhard.

 

Ich finde es sehr schön, dass du hier von Anfang an total auf die Umgebung eingegangen bist und viele Geschäfte direkt in der Nachbarschaft abwickelst.

 

Julius: Um diese Möglichkeit bin ich auch echt froh. In der Abwicklung geht das Regionale oft viel schneller. Wenn du mit jemandem persönlich reden kannst, der selbst dahintersteht, ist das viel wert. Die Schürzen konnte ich beispielsweise mit Bernhard direkt besprechen. Wenn ich stattdessen bei irgendeinem Textilkonzern hundertmal die Hotline rauf- und runtertelefonieren müsste, und dann wahrscheinlich noch nicht mal bei der richtigen Person landen würde, dann würde mich das sehr nerven. Ich versuche, für alle Bereiche jemanden vor Ort zu finden – ob das jetzt der Elektriker ist, die Architektinnen oder eben Bernhard von den Textilmachern.

 

Bernhard, auf deiner Website schreibst du auch die Vorliebe für nachhaltige, langfristige Partnerschaften groß. Wie sieht das in der der Praxis aus?

 

Bernhard: In Bezug auf Julius ist das Schöne, dass wir uns gewisse Themen nicht groß erklären müssen. Es gibt eine gute Grundwertebasis – unsere Liebe zum Beruf und eine Leidenschaft für Dinge, die uns begeistern. Das ist unser gemeinsamer Nenner. Es ist auch so, dass die meisten unserer Gespräche nicht viel mit Textilien zu tun, sondern es geht vielmehr darum, Ideen zu entwickeln, die auf denselben Werten fußen, auf dem gleichen Qualitätsverständnis. Wir möchten beide mit unserer Arbeit einen Status Quo – der ja nicht immer positiv ist – herausfordern. Dinge besser und eleganter und vielleicht auch schöner lösen. Das verbindet uns stark.

 

Das ist ein wichtiger Punkt, den du machst: Dass ihr beide in zwei Branchen seid, wo es heißt »Geiz ist geil«, und alles schneller werden muss. Sowohl im industriellen Bäckereibetrieb als auch in Bezug auf Fast Fashion wirkt das präsent. Wenn ihr beide dann euer Handwerk auf hohem Niveau ausüben möchtet, dann scheinen eure Berufe vom Verständnis her nicht weit auseinander.

 

Bernhard: Es geht uns nicht darum, zwingend den Fortschritt oder die Technologie zu verteufeln. Im Gegenteil, die Frage ist ja: Wie kann man das Grundverständnis des Handwerks irgendwie übertragen? Für uns beide ist ein gewisser Maschinenpark nötig. Aber wir beide möchten Konditionen schaffen, die bei der Qualität ein paar Prozent rausholen. Und das in der Verbindung mit dem ursprünglichen Handwerk. Besonders haben wir eine Gemeinsamkeit bei der Überlegung, wo man die Pflanze anbaut, auf der das Business basiert – Getreide oder in meinem Fall Baumwolle.

 

Guter Ansatz – wo stammt deine Baumwolle denn her?

 

Bernhard: Das ist unterschiedlich und hängt von den Güteklassen ab. Hier wächst ja keine Baumwolle, aber etwa in Ägypten oder in der Türkei gibt’s ein unglaublich gutes Klima dafür. Es kommt sehr darauf an, was die Anforderungen sind. Aktuell pushen wir recycelte oder organische Fasern sehr. Die machen bei uns mittlerweile 92 Prozent aus. Das wäre vor fünf Jahren noch unvorstellbar gewesen…

 

Zeigt das, dass die Leute nun ein viel besseres Verständnis für Qualität haben? Gilt das auch für Backwaren, dass sich Kund:innen stärker mit ihrer Ernährung und der Herkunft von Lebensmitteln auseinander setzen?

 

Julius: Ja, sicherlich. Ich empfinde die beiden Branchen als gleich kaputt, auf ihre Weise. In manchen Betrieben, bei denen ich gearbeitet habe, hat es mich entsetzt, was teilweise auf der Zutatenliste steht. Getreide etwa, über das kurz vor der Reife mit dem Flugzeug nochmal Düngemittel gegeben wird. Grundsätzlich finde ich toll, dass es mittlerweile mehr Vielfalt gibt, aber ich finde es trotzdem schwierig, ein gutes Bio-Produkt zu bekommen. Und zwar ein wirklich nachhaltiges Brot, nicht nur mit einem Bio-Stempel drauf, obwohl der Weizen aus Kanada stammt. Man muss doch auch Spaß haben am Essen! Ich möchte nichts essen, was nicht schmeckt, nur weil es zufällig gesund ist. Genauso geht es mir bei Kleidung – ein T-Shirt mag schon Fair Trade sein, aber wenn es aussieht, wie Kraut und Rüben, dann möchte ich es nicht kaufen.

 

Wenn man deine Bäckerei betrachtet, merkt man, dass du es sehr gut beherrscht, deine Waren in einem visuell ansprechenden Umfeld zu präsentieren. Hier passt die Optik der Produkte auch zu der Wertigkeit, die sie tatsächlich haben.

 

Julius: Ich versuche einfach, alles aus Kundenperspektive zu sehen und so rund wie möglich zu machen. Wir geben uns bei der Qualität so viel Mühe, deswegen würde es einfach nicht passen, eine billige Plastik-Theke einzubauen. So betrachte ich auch unsere Arbeitskleidung. Bei Bernhard sehen die Sachen gut aus und sind nachhaltig. Da decken sich unsere Werte.

 

Bernhard: Bei der Frage, warum man in Ausstattung ein paar Prozent mehr investiert, obwohl es wirtschaftlich gar nicht rational wäre, geht es ein stückweit auch um Kunst. Wenn man das Gefühl für eine gute Formensprache hat, – egal ob das eine Theke, ein Backwerk oder ein Fahrzeug angeht –, spürt man schnell, ob derjenige der es gemacht hat, Sorgfalt hat walten lassen. Das spielt eine riesige Rolle, obwohl das in keiner Bilanz auftaucht. Man kann gut differenzieren, wenn jemand etwas von Herzen lebt. Dafür gibt es keine Formel.

 

Es hat auch mit einer gewissen Ganzheitlichkeit zu tun, wenn jemand wirklich hinter seinem Beruf steht. Ich habe es zum Beispiel als total positiv in Erinnerung, wenn ich zu dir komme, Julius, und du meckerst: »Ich will gar keinen Papierkram mehr machen, ich will eigentlich nur backen! Ich möchte am allerliebsten einfach mein Handwerk ausüben!«

 

Julius: Ich glaube, dass das auch ein stückweit den Erfolg ausmacht. Mich fragen oft Leute, wie ich es »geschafft habe«, worauf ich jedes Mal antworten muss, dass ich einfach nur für mich selbst ein geiles Brot backen wollte. Damit ich selbst ein gutes Produkt habe. Es gibt Tage, da vergesse ich total, auf den Umsatz zu schauen, weil ich mich viel lieber mit 200 Kilo Sauerteig beschäftige. (lacht) Natürlich sind auch die Zahlen wichtig, weil ohne die das ganze System nicht funktioniert. Aber ich bin jetzt nicht ständig auf die Planung fixiert. Lieber experimentiere ich mit einem neuen Getreide. Wenn man nur darauf schaut, durch welche Stellschrauben man schneller reich wird, dann funktioniert es glaube ich nicht.

 

Bernhard: Das wäre auch seelenlos. Wenn du deinen Beruf liebst, und das Glück hast, in etwas hineingeraten zu sein, was dich begeistert, ist es egal, ob’s ein Brot ist oder ein Fabric…

 

Wie war dein Weg ins Business?

 

Bernhard: Früher habe ich beim Fußball Fanartikel verkauft. Aber was es wirklich bedeutet, eine Faser anzubauen, die Wasserverbräuche oder chemischen Auswirkungen, das kam erst viel später. Das war ein Schlüsselerlebnis vor acht oder neun Jahren, als ich gemerkt habe, was der Anbau von Baumwolle eigentlich bedeutet. Es ist eine Pflanze, die nur da wächst, wo es sehr warm ist, wo es wenig Niederschlag gibt, aber trotzdem viel Wasser braucht. Per se ist Baumwolle unter Umweltgesichtspunkten keine besonders gute Faser. Das Gute ist aber, wir haben tonnenweise davon schon in der Umgebung, in unseren Kleiderschränken. Die Frage ist– und da sind wir bei Regionalität – wie ziehe ich dieses Netzwerk immer mehr zusammen? Wie recycle ich? Wie schaffe ich ein cradle-to-cradle-Modell, einen Kreislauf? Das ist ein Thema, das mich sehr antreibt.

 

Das ist großartig, da seid ihr auf einem spannenden Weg! Du hast gerade noch Fan-Artikel erwähnt und das finde ich ein tolles Stichwort für die letzte Frage: Ihr produziert jetzt gemeinsam Team-Sweater, die auch von Fans gekauft werden können. Julius, wie kam es dazu?

 

Julius: Ich selbst trage unseren Team-Sweater oft, unter anderem, weil er so bequem und absolut Backstuben-resistent ist. (lacht) Wir bekommen im laufenden Geschäft viele Anfragen, ob er zu kaufen ist, deswegen haben wir beschlossen, eine kleine Serie zu produzieren. Sie ist auf 100 Exemplare limitiert. Aber unsere Fans dürfen sich freuen, wir arbeiten an einer weiteren Kooperation mit den Textilmachern. Auch hier sind uns Qualität und Design superwichtig, darum wird es noch ein klein wenig dauern und – genau wie bei unseren Broten – sozusagen noch einen »Reifeprozess« bis zum hochwertigen Produkt geben…

Photo Credits: Kathrin Koschitzki www.kathrinkoschitzki.de